9. November 1938   Reichspogromnacht

 

Die Welt ist viel zu gefährlich,

um darin zu leben –

nicht wegen der Menschen,

die Böses tun,

sondern wegen der Menschen,

die daneben stehen und

sie gewähren lassen.

 

Albert Einstein

 

Der Holocaust fand nicht im Verborgenen statt. Der systematischen Ermordung der europäischen Juden in den Tötungsfabriken und bei Massenerschießungen im Osten ging voraus, dass sie vorher erfasst, entrechtet, gekennzeichnet, verfolgt und deportiert wurden.

Dies alles geschah öffentlich und für alle sichtbar. Die Bevölkerung erlebte dies alles an ihrem Wohnort:

  • den Aufruf vom 1. April 1933, nicht in jüdischen Geschäften zu kaufen.
  • die Beschädigung jüdischen Eigentums, die verwaltungsmäßige Erfassung der jüdischen Bevölkerung, die schrittweise Ausgrenzung aus dem Berufsleben, den Schulen und Hochschulen, die Ausgrenzung aus  der Öffentlichkeit.
  • Die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, als Synagogen in Flammen aufgingen, Menschen jüdischen Glaubens ermordet, ihre Geschäfte zerstört wurden, die Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt.
  • den Davidstern an der Kleidung der Verfolgten.
  • die Abholung der Nachbarn jüdischen Glaubens, um sie dann zu deportieren.

 

Bis heute stellt sich uns die Frage, warum die Bevölkerung fast ohne Ausnahme tatenlos zusah. Manche klatschten Beifall und bereicherten sich, nur wenige halfen ihren verfolgten Nachbarn.

 In Ortenberg wurden nach der Pogromnacht Menschen jüdischen Glaubens aus der Wetterau im Amtsgerichtsgefängnis in „Schutzhaft“ genommen. Die in ganz Deutschland gefangen genommenen jüdischen Männer wurden dann in verschiedene Konzentrationslager verbracht. Im Konzentrationslager Buchenwald waren ca. 10.000 Männer interniert.

 

Die Spurensuche vor Ort, das Anbringen einer Tafel mit den Namen der Verfolgten und Ermordeten kann dazu beitragen, das Gedenken zu sichern und den Menschen einen Teil ihrer Würde zurück zu geben.

 

Es war möglich, das Schicksal einiger deportierter Ortenbürger Bürger*innen nachzuverfolgen.

Ihre Namen stehen auf der Gedenktafel, die in der Altstadt an der alten Stadtmauer angebracht ist:

 

Johanna Boscowitz

geb. Oppenheimer

geboren am 2. August 1886

gestorben im Oktober 1942

 

 

im Ghetto Izbica, Polen

Rosa Bruchfeld

geb. Heß

geboren am 22. Oktober 1897

gestorben 1944

 

 

in Auschwitz

Johanna Friedmann

geb. Kaufmann

geboren am 16. August 1890

gestorben in Auschwitz

Käthchen Goldschmidt

geb. Schiff

geboren am 27.6.1859

gestorben in Treblinka

Emilie Grünbaum

geb. Hess

geboren am 25. September 1893

verschollen

Albert Hess

geboren am 1. November 1882

gestorben am 7. August 1940

 

 

im Internierungslager Le Vernet in Südfrankreich

Nani Hess

geb. Strauss

geboren am 18. April 1888

gestorben in Riga

Siegmund Löwenstein

geboren am 18. Juli 1876

gestorben am 17. Januar 1943

 

 

in Theresienstadt

Sophie Löwenstein

geb. Zimmermann

geboren am 30. November 1885

gestorben in Auschwitz

Johanna Marx

geb. Schatzmann

geboren am 27. Oktober 1889

gestorben im Ghetto Piaski in Polen

Arthur Oppenheimer

geboren am 26. Januar 1893

gestorben am 31. März 1944

 

 

in Cosel, Oberschlesien

David Oppenheimer

geboren am 16. Juni 1885

gestorben am 30. Oktober 1944

 

 

in Auschwitz

Hans Oppenheimer

geboren am 30. September 1922

gestorben am 31. Januar 1944

 

 

in Cosel

Sarah Oppenheimer

geb. Flörsheim

geboren am 18. Oktober 1860

gestorben am 18. September 1942

 

 

in Theresienstadt

Sophie Oppenheimer

geb. Strauss

geboren am 1. September 1897

gestorben am 22. Oktober 1942

 

 

in Auschwitz

 

Anton Schiff

geboren am 14. Februar 1875

gestorben am 25. November 1941

 

 

im Ghetto Kowno in Litauen

Hugo Schiff

geboren am 13. Februar 1876

gestorben am 25. November 1941

 

 

im Ghetto Kowno in Litauen

 

 

 

 

Am 14. November 2017 sind in Ortenberg-Bleichenbach Stolpersteine vor dem Haus Wasenstr. 22 verlegt worden. In diesem Haus hat die Familie Leopold gelebt.

 

Von den neun Familienmitgliedern haben sechs den Holocaust nicht überlebt. Das sind:

Bertha Leopold

geboren 1878

gestorben am 24. September 1942 in Auschwitz

David Leopold

geboren 1875

gestorben am 24. September 1942 in Auschwitz

Ludwig Leopold

geboren 1903

gestorben am 21. Mai 1943 in Sobibor

Seine Frau Toni Leopold, geborene Strauss

 

gestorben am 21. Mai 1943 in Sobibor

Ihre Kinder Irmtraud und Harri Leopold

 

gestorben am 21. Mai 1943 in Sobibor


 

82. Jahrestag der Reichsprogromnacht

09. November 1938  - 09.11.2020

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir haben uns heute hier am Jüdischen Ehrenmal in Ortenberg zusammengefunden, denn heute am 09. November jährt sich zum 82. Mal dieser unselige Gedenktag der Reichspogromnacht, der für die zivilisierte Menschheit gleichbedeutend ist mit dem Auftakt zum Rassenwahn, Entwürdigung, Folterung und systematischen Morden von 6 Millionen Juden.

Novembertage haben unser Land verändert. Kein Datum im Kalenderjahr ist im kollektiven Gedächtnis der Deutschen so präsent wie der 09. November. Von der November-Revolution am 09. November 1918 bis zum Fall der Mauer am 09. November 1989. Diese historischen Ereignisse dürfen aber niemals das Gedenken an den 09. November 1938 verdrängen, den staatlich organisierten Pogrom.

Erich Mühsam (1878-1934), deutscher Schriftsteller, Anarchist und Pazifist, der das öffentliche Verbrennen seiner Bücher schmerzhaft erleben musste und im KZ Oranienburg ermordet wurde, ahnte schon kurz vor seinem Tod das Kommende und schrieb:

Angst packt mich an,

denn ich ahne,

es nahen Tage voll großer Klage.

Komm du, komm her zu mir! -

Wenn die Blätter im Herbst ersterben

und sich die Flüsse trüber färben

und sich die Wolken ineinander schieben -

dann komm, du, komm!

 Schütze mich -

stütze mich -

fass meine Hand an.

Hilf mir lieben!

 

Wir erinnern hier heute an die Ereignisse am Abend des 09. November 1938, als die Nazis ihren Hass auf die Juden für alle sichtbar – auch hier in den Straßen Ortenbergs – sichtbar freien Lauf ließen. Alles spielte sich auf offener Straße ab und viele unserer Vorfahren wurden Zeugen, wie die Menschenrechte und Menschenwürde im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten wurden. Die Juden wurden in dieser Nacht nahezu allein gelassen. Kaum jemand hat seinen Unmut, ein Entsetzen öffentlich zum Ausdruck gebracht. Mir ist es bis heute unerklärlich, wie die nicht-jüdische Gesellschaft in Ortenberg, in der Wetterau, in Deutschland nach dieser Nacht in ihrem normalen Alltag weiterleben konnte!

Auch heute – wir erfahren es durch die Medien – finden wir zunehmend Hass, der sich anschickt die Grundlagen unserer solidarischen, menschlichen und vielfältigen Gesellschaft zu beschädigen - (denken sie nur an die schreckliche Ermordung eines französischen Geschichtslehrers in Paris).   Wir alle sind jeden Tag – an einem Abend wie heute ganz besonders – aufgefordert, endlich ernst zu machen mit dem Schutz der Menschenwürde. Nur wenn wir diese auch ernst nehmen, werden Gedenkveranstaltungen wie die heutige nicht zu inhaltlosen und lästigen Ritualen. Hoffen wir nicht, dass unsere Zukunft so aussieht, wie es Annegret Kronenberg in einem Gedicht beschreibt.

Zukunft

von Annegret Kronenberg

 

Es waren Menschen, die schrien:

Wir wollen Macht!

Wir wollen herrschen!,

wir wollen den totalen Krieg!

und der große Massenmord begann.

Es waren wieder Menschen,

ausgeblutete, gebeutelte Menschen,

die jammerten:    Schluss, Schluss, macht Frieden,

macht dem Leid ein Ende!,

und sie fingen an, auf blutgetränkten Feldern

und unzähligen Gräbern, aus Schutt und Asche

 eine Zukunft aufzubauen.

Eine Zukunft, die ständig die Angst in sich birgt,

dass wieder Menschen kommen, die nach

Macht und Vernichtung schreien.

Und siehe da, die einzige Veränderung in dieser Zukunft

ist die Wiederholung der Vergangenheit.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

Manfred Meuser – 09.11.2020

 

Du!

Du, ach so toller Mensch. Beachtlich, wie du es schaffst in den Tag hinein zu leben, ohne dein Leben zu leben. Ohne zu hinterfragen und vor allem ohne Angst vor Verlusten, dafür umso größere um dein eigenes Wohl.

Du bist menschlich! Ein Wesen, welches sich in den Vordergrund stellt, mit der intuitiven Rechtfertigung, wichtig zu sein. Wichtiger als alles andere, wichtiger, als ... Ja als… deine MitMENSCHEN, welche genau dasselbe Ziel verfolgen wie du, da sie ja auch nur Menschen sind.

Egoismus bekämpft Egoismus mit der Rechtfertigung des selbstlosen Handelns. So funktioniert Politik. Und du, genau du bist ein Bestandteil. Ein Bestandteil des Hamsterrads der Geschichte. Immer höher, schneller, weiter, mit dem Ziel... Ja mit dem Ziel. Ganz einfach mit dem Ziel noch viel schneller vom Fleck zu kommen. Warum? Das weißt du nicht. Hauptsache schnell, denn die Zeit rennt.

Stolz blickst du zurück auf die Vergangenheit, welche nur noch ganz, ganz winzig am Horizont zu erkennen ist, ja nur so klein wie ein Vogel, ach was, ein Vogelschiss! Was sind schon Opfer, die man nicht selbst verrichtet hat. Denn wir müssen weiter! Immer schneller und immer schneller. So etwas wie es damals geschah, ist heute unmöglich! Schneller, schneller! Doch da vorne, das kommt mir bekannt vor! Lebensraum? Entartung? Überfremdung?

Du also fühlst dich überfremdet von Fremden, die nur Fremde sind, weil du sie nie kennengelernt hast? So kenne ich dich nicht, Fremder. Weil du mit Parolen hetzt oder gar verletzt, weil sie anders sind? Anders als du. Anders als die, die so sind wie du. Seid nicht genau ihr dann die anderen? Die anderen, vor denen man sich schützen sollte? Das Rudel von Wölfen, welches ihre Junge beschützt vor allem, was ihnen gefährlich erscheint. Dass es nur ein harmloser Biber war, der sich einen Platz zum Überwintern suchte... Ja, aber man kann ja nie wissen. Heute ist es der Biber, morgen der Grizzlybär, welcher sich an unserer Beute vergreift!

Näher! Immer näher rennen wir drauf zu. Stopp! Wir müssen anhalten! Anhalten sagte ich! Damit kommst du leider zu spät. Wir haben eine zu hohe Geschwindigkeit erreicht um einfach anzuhalten.

Der nun vor uns auftauchende Vogelschiss entpuppt sich nicht mehr als solcher. Er wird größer und immer größer. In der Ferne erkennst du Hass. Hass der wächst und wächst. Entstanden aus geschürter Unzufriedenheit. Das scheinbar Unmögliche ist eingetreten. Die Vergangenheit hat uns überholt und rast nun direkt auf uns zu. Oder sind es wir, die rasen? Gemeinsam können wir es schaffen, los hilf mir! Die Anschläge, sie kommen immer näher. Renn doch nicht so schnell! Hallo du! Du, du... Ach, du bist ja nur ein Mensch, genauso wie ich. Okay, hab’s verstanden, wir beobachten und rennen ins unbestimmte Ziel.

 

Mira Felten im November 2020

 

Gedenkfeier für die Opfer der Novemberpogrome,

Ortenberg – am Mahnmal

Mo, 09.11.2020, 16:00 Uhr

Pfr. Martin Schindel

Gebet zum Tage

 

HERR unser Gott,

der heutige Tag ist für uns ein Anlass für Scham – darüber, dass den Mitgliedern Deines Volkes Israel auch hier in Ortenberg Unrecht und Gewalt angetan wurde; darüber, dass Dein Volk von Mitgliedern unseres Volkes fast vernichtet wurde. Um Vergebung bitten wir.

 

Dieser Tag ist für uns auch ein Anlass für Zorn – denn wir mussten in diesem Jahr erleben, dass antisemitische und rassistische Gewalt in unserem Land ausgeübt wurde; dass Jüdinnen und Juden sich nicht sicher fühlen in unseren Städten. Um wirksame und klare Gegenmaßnahmen bitten wir.

 

Und dieser Tag ist ein Anlass zur Hoffnung – viele Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich mit unserer fürchterlichen Vergangenheit und erheben ihre Stimmen gegen das heutige Unrecht, gegen die heutige Gewalt.

 

Guter Gott – steh‘ Du allen Opfern bei; falle Tätern in den Arm, und sende Du uns, Toleranz und Mitmenschlichkeit zu leben. Amen.